Heinzelmännchen Projekt

Effektivität eines ganzheitlich orientierten Trainingskonzeptes aus dem KYUSHO JITSU bei Patientinnen nach der Diagnose Brustkrebs

Eine Kooperation des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Abteilung für molekulare und zelluläre Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln und des Vereins „Kunst der Vitalpunkte – Kyusho-Jitsu Cologne e.V.“

Heinzelmännchen Projekt

Konzept

Es ist ein ganz besonderes Heinzelmännchen, das dem Projekt seinen Namen gegeben hat: wissend um seine innere Weisheit steht es gelassen da, mit beiden Beinen fest auf der Erde im Hier und Jetzt.

Wäre es nicht großartig, wenn Frauen nach der Diagnose Brustkrebs dieses Heinzelmännchen als Symbol für Kraft und Zuversicht erkennen und sich selbst sagen könnten: „Es ist jetzt an der Zeit, das Leben wieder fest in meine eigene Hand zu nehmen. Ich will noch mehr auf mich achten, stimmig mein Leben leben und die Welt ganz bewusst in ihrer ganzen Fülle wahrnehmen. So finde ich meine Stabilität und eine neue Balance von Körper, Geist und Seele. In diesem Gleichgewicht aktiviere ich optimal meine Selbstheilungskräfte und nähre und stärke mich. Das ist es, was das Heinzelmännchen mir symbolisieren soll: ich bin kraftvoll und gesund!“

Kooperationspartner

Dr. Freerk Baumann
Deutsche Sporthochschule Köln
Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin
Abt. für molekulare und zelluläre Sportmedizin
AG „Bewegung, Sport und Krebs“

Am Sportpark Müngersdorf 6
50933 Köln
Tel.: 0221/4982-4821
Mail: f.baumann@dshs-koeln.de[/one_half]

Für „Kunst der Vitalpunkte“
Kyusho Jitsu Cologne e.V.“

1) Hintergrund

Nach der Diagnose Krebs wird das Leben für die Betroffenen in ihren Grundfesten erschüttert. Die Patienten fallen oft in ein tiefes Loch aus Angst, Hilflosigkeit, Trauer und Unverständnis. Obwohl die medizinische Therapie erfolgreich abgeschlossen ist und damit die Krebserkrankung „besiegt“ wurde, bedeutet dies noch nicht, dass diese auch überwunden ist. Geprägt von der Angst erneut zu erkranken, fällt es den Betroffenen schwer den Alltag zu bewältigen. Das Vertrauen in den eigenen Körper ist verloren gegangen, der die Patienten schließlich schon einmal „im Stich gelassen“ hat [Stephien und Lerch 2006]. Es besteht die Gefahr, durch Unsicherheit, die eigene Leistungsfähigkeit zu unterschätzen und körperlich inaktiv zu bleiben oder zu werden. Dies kann zu einer Minderung der Lebensqualität führen.

Umfangreiche Untersuchungen zeigen, dass etwa 45% der Brustkrebspatientinnen drei Monate nach der Operation an psychischen Störungen leiden. Viele Patienten haben Angstsymptome, erleben eine große Furcht vor einem Rezidiv, Metastasen oder einem zweiten Tumor [Kissane 1998]. Bei fast 50% der Frauen im Jahr Eins nach der Diagnose Brustkrebs können Depressionen und/oder Ängste beobachtet werden. Im zweiten, dritten und vierten Jahr sind etwa 25% betroffen [Burgess et al. 2005, Goldstein et al. 2006, Montazeri 2008]. Patienten beschreiben diese Situation mit einem Verlust des inneren Gleichgewichts [Heckl und Weis 2006]. In der Regel bemühen sich die Betroffenen nach erfolgreichem Abschluss der Krebsbehandlung um eine „Normalisierung“ der persönlichen Situation, und der Wunsch nach Wiederherstellung der Verhältnisse, wie sie vor der Erkrankung waren, ist sehr groß. Jedoch ist eine Rückkehr zur Ausgangssituation nach einer Krebserkrankung kaum möglich, dafür ist der Einschnitt durch die Diagnose „Krebs“ in das Leben zu intensiv [Stephien und Lerch 2006]. Nur mit einer erfolgreichen Coping-Strategie, durch eine möglichst vollständige Akzeptanz der Krebserkrankung und damit der Bestreitung eines Neuen Lebensweges, wird nachhaltig eine Verbesserung der Lebensqualität ermöglicht [Anderssen-Reuster 2007].

2) Idee und Fragestellung:

Vordergründig betrachtet ist Kyusho Jitsu eine Kampfkunst, die gezielt gegen Vitalpunkte des menschlichen Körpers gerichtet ist und einen Angreifer blitzartig kampfunfähig machen kann. Die Techniken basieren dabei auf den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin, insbesondere auf der Lehre von den Energie-Leitbahnen und Akupunktur(=Vital)-Punkten und der Lebensenergie Qi, sowie auf dem philosophischen Prinzip von Yin und Yang. Kyusho Jitsu ist dabei keine typische asiatische Kampfsportart mit den sonst üblichen Wett- oder Vergleichskämpfen und “Gürtel“-Hierarchien– es ist weit mehr: es ist vor allem ein „Weg nach Innen“, eine Suche nach Ganzheit und nach der Einheit von Körper, Geist und Seele. Inhalte und Konzeption des Trainings betonen diesen „heilenden, kontemplativen“ Aspekt besonders stark und bieten dem Ausübenden die Möglichkeit, mehr über sich selbst und seinen Körper zu erfahren und ein neues Körperbewusstsein zu entwickeln. Fast zwangsläufig wird er Techniken erlernen, die eigenen Selbstheilungskräfte anzuregen und einen neuen Zugang zu seinem „Inneren“ zu entdecken. Wie keine andere Kampfkunst vereint Kyusho Jitsu damit in geradezu perfekter Weise „kriegerische“ und „heilende“ Aspekte und lehrt als übergeordnetes Prinzip das Ziel des „heilen, friedvollen Kriegers“, der nach innerer Harmonie strebt und im Einklang mit sich selbst und den Menschen lebt. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die „Arbeit“ mit der Lebensenergie Qi, die einen zentralen Bestandteil des Trainings bildet. In jeder Trainingseinheit wird gelehrt, wie diese Energie destruktiv gegen einen Angreifer gerichtet werden kann, gleichzeitig aber erfährt der Übende auch, wie er diese Energie im positivsten Sinne für sich selbst oder für andere konstruktiv nutzen kann.

Alle diese Aspekte führten uns zu der Überzeugung, dass dieses Trainingskonzept geradezu ideal für Patienten, insbesondere auch für Tumorpatienten, geeignet sein müsste, selbstverständlich nach entsprechender Modifikation mit gezielten Anpassungen an die entsprechende Patientengruppe. Modifikation bedeutet dabei, dass das Trainingsprogramm praktisch vollständig auf die „heilenden, kontemplativen“ Elemente konzentriert wird und auf die „kämpferischen“ Aspekte weitestgehend, wenn auch nicht vollständig, verzichtet wird. Erste persönliche Erfahrungen bestärken uns, diesen Weg weiter zu verfolgen, genügen wissenschaftlichen Ansprüchen jedoch noch nicht und erlauben auch keine Rückschlüsse zur Wirksamkeit im Vergleich zu etablierten konventionellen Sporttherapien.

Neuartig bei diesem Ansatz ist die Integration von klassischen sportlichen Einheiten, z.B. Kraft- und Dehnungsübungen, mit eher kontemplativen Techniken des fernöstlichen Formenkreises z. B. Qi Gong oder T’ai Chi und bestimmten Atem- und Meditationstechniken in einer Trainingseinheit. Komplettiert wird das gemeinsame Trainingsprogramm durch Einzelsitzungen, die der Vertiefung der Energiearbeit dienen. Die Patientin soll lernen, ihre eigene Lebensenergie zu harmonisieren, zu fokussieren und letztendlich positiv für sich einzusetzen.

3) Methodik

Primäres Studienziel
Als primäres Studienziel kann folgende Fragestellung formuliert werden:
1.Kann durch ein ganzheitlich orientiertes Trainingsprogramm, das aus der Kampfkunst „KYUSHO JITSU – Kunst der Vitalpunkte “ entlehnt und speziell auf Patientinnen nach der Diagnose Brustkrebs abgestimmt wurde, die Lebensqualität verbessert werden?

Sekundäre Studienziele
Als sekundäre Studienziele können folgende Fragestellungen formuliert werden:
2.Kann durch ein ganzheitlich orientiertes Trainingsprogramm, das aus der Kampfkunst „KYUSHO JITSU – Kunst der Vitalpunkte “ entlehnt und speziell auf Patientinnen nach der Diagnose Brustkrebs abgestimmt wurde, das körperliche Aktivitätsniveau und die Aufmerksamkeit erhöht, sowie die Stressbelastung, die Neigung zu depressiver Verstimmung und zu Angstzuständen reduziert werden?

3.Sind die erwarteten Veränderungen bereits nach einem 24-wöchigen Training über die gewählten Parameter erfassbar und bleiben die Effekte auch im Langzeitverlauf bestehen?

Studiendesign

  • Randomisiert-kontrollierte Studie über 48 Wochen im Cross-Over-Design
  • 2 Gruppen á ca. 30 Teilnehmerinnen
  • 1. Gruppe: Kyusho-Jitsu
    • 2x/Woche, 60-90 Minuten ganzheitlich orientiertes Trainingsprogramm
    • 5x/Trainingszeitraum: 60 Minuten Energiearbeit in Einzelsitzung
    • Dauer: 24 Wochen
    • Gruppenleitung: Trainer des Vereins „Kunst der Vitalpunkte e.V.“ in Zusammenarbeit mit Sporttherapeuten der DSHS
  • 2. Gruppe: Kontrollgruppe = keine Intervention
    • 5x: 60 Minuten Energiearbeit in Einzelsitzung
    • Wechsel nach 6 Monaten: Die Kyusho-Jitsu-Gruppe wechselt in die Kontrollgruppe; die Kontrollgruppe wechselt in die Kyusho-Jitsu-Gruppe
    • 5 Messzeitpunkte (Baseline, 3 Monate, 6, Monate, 9 Monate, 12 Monate)

    Heinzelmännchen Projekt

    Probandinnen

    • Insgesamt werden 60 Frauen nach der Diagnose Brustkrebs in die Studie eingebunden
    • Brustkrebserkrankung; mindestens 6 Monate nach Beendigung der medizinischen Therapie
    • unterschriebene Einverständniserklärung
    • Teilnahme an wissenschaftlichen Assessments
    • Die Rekrutierung erfolgt über eine Zeitungsanzeige im Kölner-Stadt-Anzeiger, Kölner Express und Kölner Rundschau

    Das körperliche Training (Kunst der Vitalpunkte – Kyusho Jitsu)
    Im Training stehen die Erhöhung des Aktivitätsniveaus, sowie die Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit im Vordergrund. Durch die Beschäftigung mit den Vitalpunkten werden die Patientinnen lernen, wie mit Akupressur und Shiatsu diese Punkte bei allerlei typischen Alltagsproblemen stimuliert werden können, z.B. bei Kopf-, Bauch- oder Zahnschmerzen, bei Erkältungen, aber auch bei Stress, Erschöpfung oder bei Schlafstörungen. Zur Reduktion der Stressbelastung und zur Vermeidung von depressiven Verstimmungen wird Qi Gong geübt, das als „Kunst verstanden wird, mit Lebensenergie umzugehen“. Die Techniken reichen dabei vom harten Qi Gong bis hin zu den kontemplativen, meditativen Formen des weichen Qi Gong mit langsamen, in Zeitlupe ausgeführten Bewegungen. Atemübungen, sowie Dehnungs- und Kräftigungsübungen komplettieren den ganzheitlichen Trainingsansatz. Mit Hilfe einer korrekten Atmung, sowie einer korrekten An- und Entspannung der Muskulatur können Aufregung, aufkommende Angst und Schmerz bekämpft und damit physiologische Vorgängen reguliert werden, die den Hauptmechanismus von Stressreaktionen darstellen.

    Den Patientinnen werden darüber hinaus 5 Einzelsitzungen von jeweils 60 min Dauer angeboten, deren Fokus ganz auf einer Intensivierung der „Energiearbeit“ liegen wird. Die Patientinnen sollen lernen, ihre Lebensenergie Qi zu „erfahren“ und im Sinne einer Steigerung der Selbstheilungskräfte gezielt für sich selbst einzusetzen. Zusätzlich sollen diese Sitzungen dazu anregen, Merkmale der eigenen Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen besser zu erkennen und damit mehr Selbstbestimmung zu gewinnen.

    Kontrollgruppe

    Die Kontrollgruppe trainiert nicht oder auf individueller Basis, erhält aber 5 Einzelsitzungen zur Intensivierung der Energiearbeit.

    Wissenschaftliche Outcome-Parameter

    • Lebensqualität (EORTC QLQ C30 + BR 23)
    • Fragebogen zum Stressmanagement
    • Depression und Angst (HADS)
    • Körperliches Aktivitätsniveau (GPAQ)
    • Aufmerksamkeit (MAAS)
    • Kyusho Jitsu-Fragebogen (selbst entwickelt)

    4) Finanzierung

    Die Teilnahme am 24-wöchigen Programm ist für die Teilnehmerinnen kostenlos. Die Gesamtkosten für das Programm setzen sich aus der Finanzierung des notwendigen Personals und der anfallenden Kosten für benötigtes Sport-, Informations- und Dokumentationsmaterial zusammen. Das Sportprogramm wird in einer Sporthalle der Deutschen Sporthochschule Köln durchgeführt. Nach Beendigung des 24-wöchigen Programms haben alle Teilnehmerinnen die Möglichkeit im Verein „Kunst der Vitalpunkte e.V. – Kyusho-Jitsu Cologne e.V.“ das Training fortzusetzen.